M&F-4: Verlorene Träume

M&F4: VERLORENE TRÄUME

1

Genf, ECT

Cologny House, Blue Office

Januar 2356 (ESZ)

Präsident John Earl Shepard, ein Mann von beachtlichen Körpermaßen und Augen, in denen etwas Verschlagenes zu wohnen schien, ging nachdenklich auf und ab, während ihn die Personen, die an dem großen Konferenztisch saßen, dabei aufmerksam beobachteten.

Neben Nicholas Direko, seinem Stabs- und Sicherheitschef, waren die Vizepräsidentin Sarah Hancock, der Verteidigungsminister Carl Sverrisson und der oberste Sicherheitsberater des Kongresses, Wladimir S. Fedonkin, anwesend.

Nicht im Raum, aber praktisch auf Ggrund seiner Position als Chef der Terranischen Nationalpartei sowie eines der größten Rüstungsunternehmen in der UES, stets präsent, war Charles Walken. Er war galt als der eigentliche Initiator hinter den Ereignissen der vergangenen Jahre und arbeitete eher als graue Eminenz im Hintergrund, bei dem allerdings alle Fäden zusammenliefen und der bei allen Entscheidungen von Belang immer das letzte Wort innehattehaben durfte.

Die Lage war angespannt. Seitdem das Kriegsrecht ausgerufen sowie der Colony Act nun offiziell vom Kongress vorübergehend außer Kraft gesetzt worden war, hatten sich mehrere Raumkolonien der UES erwartungsgemäß formal für unabhängig erklärt. Eine Entwicklung, die Shepard und Charles Walken durchaus so gewollt hatten, obwohl die Zahl an Kolonien, die ihren Schritt in die Unabhängigkeit androhten, praktisch im Tagestakt wuchs. Von daher war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Kolonien den endgültigen Bruch mit der Erde vollzogen.

Shepard hatte gemeinsam mit Walken die Ermordung seines Amtsvorgängers Ethan Philips geplant und auch erfolgreich umgesetzt. Wobei eher der Industriemagnat Walken für die Planung und Durchführung des Attentats verantwortlich gewesen war und er selbst dabei nur als Kopilot fungiert hatte. Doch natürlich in dem Bewusstsein, dass er davon deutlich profitieren würde, denn nun war er der UES-Präsident. Und bis auf Hancock und Sverrisson waren auch alle im Raum Anwesenden in diesen Vorgang eingeweiht.

Für Shepard hatte sich der Verrat an seinem alten Freund Ethan Philips demnach durchaus gelohnt, aber durch die Aussetzung des Colony Acts hatte er die Raumkolonien gegen sich aufgebracht. Das war zwar durchaus in seinem Sinn, denn sein Ziel war es, den Kolonien langfristig ihre sämtlichen Autonomierechte zu nehmen und sie wieder fester an die Erde zu binden, dennoch drohte die Situation gerade außer Kontrolle zu geraten. Alles ging viel zu schnell, und die langen Informationswege zwischen der Erde und den Koloniesystemen trugen ihr Übriges dazu bei. Zwei Systeme hatten ihre Unabhängigkeit bereits erklärt, während in den äußeren Systemen die Nachricht von der Verhängung des Kriegsrechts über der Erde und den Core-Systemen noch gar nicht eingetroffen war, wodurch man im Umkehrschluss sicher mit weiteren Austritten rechnen musste.

Da hat mir Charles Walken ja eine ordentliche Misere eingebrockt, dachte Shepard säuerlich. Als wenn ich ihn nicht bereits im Vorfeld gewarnt hätte. Jetzt fliegt mir der ganze verdammte Laden um die Ohren. Und alles nur, weil Charles die Zeit nicht hatte abwarten wollen. Auch wenn er damit natürlich durchaus richtiglag, schränkte er sogleich wieder ein. Doch eine weitaus bessere und umsichtigere Planung wäre von Vorteil gewesen, erkannte er dann niedergeschlagen. Natürlich kommt das alles nicht völlig ungelegen, aber wenn es nach mir geht, dann sollte der militärische Part dieser Vorgänge doch so klein wie möglich gehalten werden.

»Also, was tun wir?«, fragte Shepard schließlich mit Blick in die Runde, ohne einen der Anwesenden direkt gemeint zu haben.

Fedonkin, eine aristokratische und überheblich wirkende Erscheinung, räusperte sich vernehmlich. »Die Lage ist zwar ernst, Mister President, denn mit Sigma Draconis und Eta Cassiopeia haben sich zwei der wichtigsten und ältesten UES-Koloniesysteme für unabhängig erklärt, aber noch haben sich keine weiteren Systeme der Revolte angeschlossen. Wenn wir nur schnell genug reagieren, geben wir das Heft des Handelns nicht aus der Hand.«

»Ganz so rosig möchte ich es nicht formulieren, Wladimir Sergejewitsch«, begann Sverrisson, der mit seiner Körperfülle dem Präsidenten kaum nachstand, jedoch über ein wesentlich gewinnenderes Wesen verfügte. »Mit Pi³Orionis, Omicron Eridani, Tamesa, Tonosa und Delta Pavonis sowie Beta Hydri stehen weitere Systeme kurz davor, diesen Schritt ebenfalls zu vollziehen. Wir müssen den Colony Act wieder in Kraft setzen und die Kolonien an den Verhandlungst…«

»Quatsch!«, unterbrach Shepard Sverrisson in einem besonders rüden und respektlosen Tonfall. »Mit diesen Leuten von den Kolonien wird nicht verhandelt. Das ist keine Option mehr. Sie haben ihre verfassungsgemäßen Rechte verwirkt«, stellte er unmissverständlich klar und setzte sich auf einen Sessel, der am Kopfende des Tischs stand.

Der Verteidigungsminister schluckte unterdessen schwer und hatte alle Mühe, an sich zu halten. Ethan Philips hätte niemals so mit ihm geredet, weswegen Shepards Reaktion ein untrügliches Zeichen dafür war, dass ab sofort ein anderer Wind durch das Cologny House wehen würde. Noch vor wenigen Wochen hätte es Shepard nicht gewagt, sich ihm gegenüber so zu verhalten. Aber jetzt war er der Präsident der UES und dank verhängten Kriegsrechts auch der nahezu unumschränkte Herr. Ich muss vorsichtig sein, erkannte Sverrisson daher auch. Hier stimmt etwas nicht, was ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur noch nicht voll und ganz verstehe. Aber die Dinge passen einfach zu gut zusammen, als dass sie noch Zufall sein könnten. Doch wenn ich mich zu offensiv verhalte, dann wird John noch misstrauisch, was ich unbedingt vermeiden muss, wenn ich die Wahrheit herausfinden will, legte er sich zügig eine passende Strategie für die nahe Zukunft zurecht.

»Aber, Mister President«, nahm Sarah Hancock das Wort an sich. »Es geht hier um den Erhalt der UES. Wir sollten mit den Kolonien verhandeln, anstatt allein auf eine rein militärische Vorgehensweise zu setzen. Letzteres scheint mir kein vernünftiges Verhalten zu sein.«

Shepard bedachte Hancock mit einem abschätzenden Blick. Auch Direko schloss sich dem Präsidenten darin an.

Hancock hatte dunkelblonde Haare, die sie stets zu einer einfachen Hochsteckfrisur arrangiert hatte. Sie setzte Make-up nur in einer dezenten Form ein, aber dafür an den richtigen Stellen. Ein Model war sie nicht gerade, aber dennoch wirkte ihr Äußeres recht attraktiv, wenn auch auf eine etwas unscheinbare Art und Weise. Ihre geschäftsmäßige, jedoch recht körperbetonte Kleidung unterstrich ihren seriösen Auftritt.

Noch vor vier Wochen war sie eine Senatorin im Kongress und für die Betreuung der Raumflottenwerften mitverantwortlich gewesen. Shepard hatte sie zu seiner Vizepräsidentin ernannt, um sie in erster Linie als Gegenpart zu Charles Walken, dem er aufgrund der Umstände nicht uneingeschränkt vertrauen konnte, zu benutzen. Aber schon mit ihrer letzten Bemerkung hatte sie ihm deutlich gezeigt, dass sie nicht die Absicht hatte, sich benutzen zu lassen.

Das gefiel Shepard nicht, hatte ihm Walken doch selbst vor dieser möglichen Entwicklung gewarnt. Und auch sein Aufpasser Nicholas Direko sah sich in der Einschätzung seines Mentors erneut bestätigt.

»Noch haben wir die Kontrolle«, ereiferte sich Fedonkin plötzlich. »Mithilfe eines schnellen militärischen Schlags ist diese Revolte in kürzester Zeit niederzuschlagen. Wir sollten keine Zeit verlieren und gleich für klare Verhältnisse sorgen, die den anderen Kolonien schon im Voraus jeden Willen zur Unabhängigkeit nehmen.«

»Dem stimme ich zu«, teilte sich Direko mit. »Wir sollten an Sigma Draconis oder Eta Cassiopeia ein Exempel statuieren. Wenn den anderen Raumkolonien deutlich vor Augen geführt wird, welch hohen Preis das nicht verfassungsgemäße Streben nach Unabhängigkeit zur Folge hat, dann überdenken die Politiker in den Koloniesystemen ihr Verhalten ganz sicher noch einmal«, befand er mit einer kalten Arroganz in der Stimme, die den übrigen Anwesenden im Raum das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Nicholas Direko hatte einen schwarzen Teint, er war großgewachsen und besaß eine muskulöse Statur. Die schwarzen Haare hatte er sehr kurz geschoren, und er wirkte eher wie ein Soldat als ein Politiker, obwohl er in seinem Anzug einen recht respektablen Eindruck hinterließ.

Er galt als engster Vertrauter von Charles Walken, und jeder am Tisch wusste oder ahnte es zumindest, dass er auch dessen Augen und Ohren im Cologny House war. Allerdings war kaum einem bekannt, wie Direko in seine jetzige Position gekommen war, denn sein bisheriger Lebenslauf ließ keinerlei politische Ambitionen erkennen.

»Das ist doch nicht Ihr Ernst«, meinte Sverrisson, wobei er sich erst gar nicht die Mühe machte, ein hörbar verächtliches Schnauben zu unterdrücken. Der Verteidigungsminister machte aus seiner Verachtung, die er für den obersten Stabs- und Sicherheitschef des Präsidenten empfand, keinen Hehl. Das war gefährlich, aber Sverrisson war ein Mann von hoher persönlicher Integrität, allerdings auch schlau genug, um seine Position nicht zu sehr zu exponieren. Er schaute Shepard an. »John, du kannst nicht ernsthaft ein hartes militärisches Vorgehen gegen diese beiden Systeme in Betracht ziehen. Wenn wir erst die Raumflotte und die Armee einsetzen, dann dürfte das Verhältnis zwischen der Erde und den Kolonien endgültig zerrüttet sein – womöglich droht der UES gar ein Bürgerkrieg, dessen Sieger längst nicht feststeht.«

»Ein Grund mehr mit harter Hand zuzuschlagen«, insistierte Fedonkin unbeirrt. »Machen wir den Raumkolonien sofort mit aller Entschiedenheit klar, was es bedeutet, sich gegen die Erde aufzulehnen, sodass sie es sich in der Zukunft zweimal überlegen, nach Unabhängigkeit zu streben.«

»Richtig! Wir müssen jetzt Stärke zeigen«, pflichtete Direko zu. »Verhandlungsbereitschaft wäre in der jetzigen Situation das völlig falsche Signal an die Raumkolonien.«

Hancock fühlte sich zusehends unwohl. Nur mit Mühe unterdrückte sie den Drang, auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. Das alles kam ihr inzwischen wie ein abgekartetes Spiel vor. Fedonkin und Direko schoben sich die Argumente gegenseitig zu, und schon an Shepards Gesichtsausdruck erkannte sie, dass er ihrer Haltung zustimmte, ja sie sogar seiner eigenen entsprach. Was im Grunde genommen schon seine Antrittsrede, die er vor einigen Wochen im Supremaneum gehalten hatte, deutlich erkennen ließ.

Sie dachte ungern an diese Rede zurück. Kurz zuvor war sie in einer schnellen, unscheinbaren Zeremonie zur Vizepräsidentin ernannt worden, ohne von Shepard über dessen wirkliche Ziele und Absichten informiert worden zu sein. Zwar hatte er ihr signalisiert, die Politik von Ethan Philips weiterführen zu wollen, doch recht schnell wuchs in ihr die Erkenntnis, dass genau das Gegenteil der Fall zu sein schien. Nicht zum ersten Mal hatte sie den Eindruck, von Shepard hinters Licht geführt worden zu sein. Sie hatten keine politischen Schnittmengen, und er schien sie nur zu benutzen.

Aber wozu? Zu welchem Zweck?

Schon die Ausrufung des Kriegsrechts hatte sie missbilligt. Zu Anfang hatte sie sich noch nichts gedacht, und war eigentlich davon ausgegangen, dass es nicht lange dauern würde. Aber der Kongress und das Oberste Verfassungsgericht hatten die Verhängung des Kriegsrechts im Eiltempo durchgebracht, was sie sich einfach nicht so recht erklären konnte. Alles ging so schnell vonstatten: die Außerkraftsetzung des Colony Acts, die vollkommen vorhersehbare erste Reaktion der Raumkolonien und schließlich die Inkraftsetzung des Kriegsrechts, da die Einheit der UES nun auf dem Spiel stand.

Wenn man es mit aller Sachlichkeit betrachtete, wirkte alles wie von langer Hand geplant. Aber sie schüttelte innerlich den Kopf darüber – das konnte, nein, das durfte nicht sein. Niemals wollte sie glauben, dass das höchste Amt der UES so einfach zu korrumpieren war. Aber gleichzeitig musste sie zugeben, dass die sogenannten Beweise, die den Kolonien die Schuld am Attentat an Präsident Philips gaben, bestenfalls Indizien waren. Das auch noch die außerirdischen N‘dari – ein überaus friedliches Volk von Händlerinnen – darin verwickelt sein sollte, konnte sie ebenfalls noch immer nicht glauben. Doch der breiten Öffentlichkeit schien das zu genügen – zumindest hier auf der Erde und in den Kernsystemen.

Dass die UES unter dem neuen Präsidenten John E. Shepard derart radikal die politische Ausrichtung zu ändern schien, ließ sie einfach extrem misstrauisch werden. Nicht zuletzt auch aufgrund der Anwesenheit von einem Kerl wie Nicholas Direko, zu dem Shepard bisher keinerlei Verbindungen gehabt hatte.

Shepard räusperte sich derweil in der Zwischenzeit. »Stärke zu zeigen – das scheint mir jedenfalls eine gute Idee zu sein«, erklärte er. »Wie sieht die Lage in den beiden Systemen eigentlich aus? Sie haben sich zwar für unabhängig erklärt, aber was wissen wir über den Zustand der Fünften Flotte und den dort stationierten Armeeeinheiten?« Er sah Sverrisson direkt an. »Admiral Toleman und General Schneider haben dort das Kommando, richtig, Carl?«

»Das stimmt, John«, antwortete der Verteidigungsminister. »Die Informationslage ist noch recht dünn. Allerdings denke ich nicht, dass die Fünfte Flotte und Zwölfte sowie Dreizehnte Kolonialarmee übergelaufen sind, da die wenigstens Angehörigen dieser Flotten- und Truppenteile doch aus diesen Systemen selbst stammen.«

»Was bedeutet das?«, hakte Shepard nach.

»Das wir im Grunde genommen nach wie vor die militärische Kontrolle über diese Systeme innehaben«, stellte Sverrisson klar. »Und sogar politisch ein enormes Gewicht besitzen dürften. Immerhin haben beide Kolonien auch Systemgouverneure, die sich auch noch immer in Amt und Würden befinden. Beide Systeme verfügen demnach nicht über eine tatsächliche De-facto-Unabhängigkeit. Der Bruch ist noch nicht vollzogen. Wenn wir das Richtige tun, dann können wir die Situation noch immer retten, ohne militärische Aktionen durchzuführen.«

Zu schade, Carl, dass aber genau dies das Ziel ist, dachte Shepard. Ohne einen bürgerkriegsähnlichen Zustand werden wir die Kolonien leider nicht zeitnah härter an die Kandare nehmen sowie die Gesetze und Richtlinien des Colony Acts endgültig kassieren können. Aber die Einheit der UES, die letztlich nur mit einer starken Erde zu garantieren ist, kann nur gesichert werden, indem man den Raumkolonien ihre bisher stetig gewachsenen Autonomierechte deutlich beschneidet, um sie so wieder fester an die Erde zu binden. Das ist genau meine Auffassung, und deswegen muss es Krieg geben. Verhandlungen dauern einfach zu lange. Anders ist die Macht für die Erde nicht dauerhaft zu erhalten.

»Das sehe ich anders«, begann Fedonkin. »Wenn wir jetzt klein beigeben, dann senden wir das grundsätzlich falsche Signal an die Raumkolonien und bekommen es ganz sicher bald mit weiteren Revolten zu tun. Wir sollten jetzt für klare Verhältnisse sorgen. Initiieren wir ein Exempel. Lassen wir die Fünfte Flotte und die Zwölfte Armee gegen die Aufständischen von Sigma Draconis vorgehen. Machen wir allen Raumkolonien unmissverständlich klar, dass sich die Erde nicht düpieren lässt, und beugen wir so neuerlichem unbotmäßigen Verhalten vor.«

»Das ist doch Wahnsinn«, sagte Hancock ungehalten. »Wenn man Ihnen so zuhört, Wladimir Sergejewitsch, dann kann man den Eindruck gewinnen, das Sie mit allen Mitteln unbedingt einen Krieg gegen die Raumkolonien anstrengen wollen. Wobei ich mich schon fragen muss, warum dies so ist.«

Sverrisson erschrak innerlich bei den offenen Worten von Hancock. Auch wenn es ihm eindeutig gefiel, sie so reden zu hören, zeigte es ihm doch, dass er sich nicht in ihr getäuscht hatte. Dennoch erkannte er, dass sie gerade dabei war, ihre Position zu stark zu exponieren, womit sie sich angreifbar machte. Was offensichtlich gefährlich war, da er selbst nicht richtig einschätzen konnte, wie Leute wie Direko darauf reagieren würden. Darum versetzte er ihr einen leichten Tritt gegen das Schienbein. Das war zwar nicht unbedingt nett, aber dafür effizient.

Sarah Hancock unterließ es tunlichst, darauf direkt zu reagieren. Sie verstand den Wink von Sverrisson, den sie längst als ihren einzigen Verbündeten hier am Tisch ausgemacht hatte – vielleicht sogar in der gesamten Regierung.

»Hier geht es um die Einheit und den Zusammenhalt der UES, ja um die Sicherheit der gesamten Menschheit«, mahnte Fedonkin an. »Eine Sicherheit, die von den Raumkolonien willentlich aufs Spiel gesetzt wird, für irgendwelche selbstsüchtigen Ziele. Das dürfen wir nicht zulassen.«

»Richtig, dürfen wir nicht«, stimmte Shepard ihm zu, »und werden wir auch nicht«, entschied er gleich im Anschluss.

»Wie darf ich das verstehen, Mister President?«, fragte Hancock. »Wollen Sie etwa militärisch gegen die beiden Koloniesysteme vorgehen?«

»Ja, genau, das werde ich autorisieren«, antwortete Shepard in aller Zufriedenheit. »Das Kriegsrecht wurde über das gesamte UES-Raumgebiet verhängt. Sigma Draconis und Eta Cassiopeia verstoßen bereits dagegen. Die örtlich stationierten Truppen haben daher das Recht, dagegen vorzugehen.« Er wandte sich Sverrisson zu. »Carl, General Schneider und Admiral Toleman sollen sich abstimmen und eine gemeinsame Strategie festlegen, um die Revolte in den beiden Systemen niederzuschlagen. Und sollten sich die politischen und zivilen Vertreter dieser Kolonien nicht einsichtig zeigen, ist maximaler Waffeneinsatz hiermit autorisiert und auch anzuwenden.«

Sverrisson konnte nicht sagen, dass er damit einverstanden war – das war er nämlich absolut nicht. Er verspürte einen starken inneren Drang, seinen Ministerposten mit sofortiger Wirkung zur Verfügung zu stellen und zurückzutreten. Aber dies hätte bedeutet, dass er den wahren Vorgängen – und vor allem den Strippenziehern im Hintergrund, bei denen die Fäden zusammenliefen – nicht auf die Spur kam. Doch genau das wollte er. Also musste er sein Amt behalten, selbst wenn dies bedeutete, dass er seine Zustimmung zu Aktionen geben musste, die ihm deutlich missfielen.

»Ich werde Toleman und Schneider informieren, John«, sagte er schließlich nach einer kurzen Pause. »Auch werde ich die übrigen Flotten- und Armeeeinheiten in Alarmbereitschaft versetzen, für den Fall, dass weitere Kolonien dem Beispiel der Sigma- und Eta-Kolonien folgen wollen. Die Militärangehörigen aus diesen Systemen wurden bereits vom Dienst suspendiert und interniert oder werden genauestens durchleuchtet, damit man ihre Loyalitäten feststellen kann«, kam er Shepard entgegen – nicht weil er es für gut befand, sondern weil diese Entscheidungen ohnehin getroffen worden wären, und das auch ohne ihn.

»Sehr gut, Carl«, zeigte sich Shepard erfreut. Er schien froh darüber zu sein, dass es keine weitere Konfrontation geben würde. »Auf diese Weise sollte die Revolte schnell unterdrückt werden können.«

»Bleibt nur noch die Frage, wie wir weiter mit den N‘dari verfahren wollen«, begann Direko. »Viele haben das Raumgebiet der UES ihrer Weisung entsprechend verlassen, Mister President, aber noch befinden sich mehrere Zehntausend auf unserem Territorium.«

»Die N‘dari haben noch eine Woche«, sagte Shepard, womit er darauf anspielte, dass er den N‘dari in seiner Neujahrsansprache eine Frist von zwei Wochen gegeben hatte, um das UES-Territorium zu verlassen. »Sollten sich danach noch welche in unserem Raumgebiet aufhalten, dann werden sie umgehend interniert und solange festgehalten, bis sich die Matriarchinnen bei uns in aller Form entschuldigt haben.«

»Aber Mister President«, nahm Hancock wieder das Wort an sich. »Ist es wirklich ratsam, dass wir uns neben den Kolonien ein weiteres Problem, noch dazu mit einem außerirdischen Volk, aufbauen. Die N‘dari sind doch seit jeher ein Volk, das der UES stets positiv gegenübersteht. Es leuchtet mir überhaupt nicht ein, warum sich diese Haltung zwischenzeitlich geändert haben sollte.«

»Die Beweise sprechen eine deutliche Sprache, Sarah«, erwiderte Shepard. »Die N‘dari haben der Freedom League Organization – die für das Attentat auf Ethan Philips verantwortlich ist – Waffen geliefert. Das steht zweifelsfrei fest.«

»Kann ich besagte Beweise einsehen?«, fragte sie ernst.

»Nicht zum jetzigen Zeitpunkt.«

»Aber …«

»Nein!«, fuhr Shepard sie lautstark an. Er atmete tief durch, bis er sich wieder beruhigt hatte. »In ein paar Wochen werden die Beweise der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Dann kann sich jeder selbst ein Bild machen. Bis dahin will ich aber nichts mehr darüber hören. Haben Sie das verstanden, Sarah?«, fragte er, wobei er sie eindringlich aus zu Schlitzen geformten Augen ansah.

Sie unterdrückte nur mühevoll ein Schnauben. »Ja, Mister President«, gab sie klein bei, wobei sie einen Blick auf den ihr direkt gegenübersitzenden Direko erhaschte, der ihr offen ein dreckiges und gleichzeitig triumphierendes Lachen zuwarf. Verdammter Bastard!, war das Einzige, was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging. Was noch dazu nicht allein auf Direko allein gemünzt war, sondern auch auf Shepard, den sie mittlerweile als einen ebenso gefährlichen Menschen einstufte, wie es sein Stabschef zweifelsohne bereits war.

Sie empfand ihr eigenes Verhalten im Prinzip als zu zaghaft, aber nach der Aktion von Sverrisson hielt sie es für klüger, sich zurückzuhalten. Selbst wenn dies bedeutete, erst einmal politische Entscheidungen mitzutragen, die natürlich nicht ihren persönlichen Überzeugungen entsprachen.

Eine Militäraktion gegen Sigma Draconis und Eta Cassiopeia hielt sie für furchtbar, aber auch die Ausweisung der N‘dari war in ihren Augen ein Fehler.

»Wie verhalten wir uns also im Fall der N‘dari?«, wollte Sverrisson zwischenzeitlich wissen.

Shepard zuckte mit dem Schultern. »Solange die N‘dari sich nicht in aller Form entschuldigt haben, werden alle diplomatischen Kontakte eingefroren. Botschafterin Delacroix wird zurückgerufen und unsere Botschaft auf Narai wenigstens vorübergehend geschlossen.« Er sagte dies mit einer Ruhe in der Stimme, die ihn selbst fast schon beängstigte, denn die Folgen waren im Grunde genommen unabsehbar. Ihm war bewusst, dass die N‘dari eigentlich schon immer enge Freunde der Menschen waren. Aber Walken hatte ihm diesbezüglich eine klare Weisung erteilt. Solange die innenpolitische Lage nicht voll und ganz unter Kontrolle war, sollte und konnte er die Anfragen der N‘dari-Botschafterin Lelana Ta‘Lor ignorieren, die ohnehin die Erde in spätestens einer Woche verlassen haben musste, wenn sie nicht interniert werden wollte. Damit konnte er selbst gut leben, denn auch seiner Meinung nach mussten die Raumkolonien zuerst wieder ruhiggestellt werden, bevor man sich mit anderen Themen beschäftigen konnte.

»Hoffentlich hat das keinen außenpolitischen Schneeballeffekt zur Folge«, gab Sarah sogleich zu bedenken. »Immerhin sind die Vadai und die Si-Ral mit den N‘dari eng verbunden. Das Letzte, was wir gebrauchen können, wäre, wenn die UES außenpolitisch isoliert wird.«

»Wie ich es schon einmal gesagt habe, Sarah, ist dies doch nur von vorübergehender Natur. Die N‘dari werden sicher einlenken, da bin ich mir sicher«, erklärte Shepard seine Haltung.

»Und wenn nicht?«, hakte Sarah nach.

»Damit beschäftigen wir uns, wenn sich die Dinge auch tatsächlich in so eine negative Richtung entwickeln sollten – was ich aber nicht glaube«, erwiderte der Präsident.

Sarah konnte es nicht glauben. Die UES schien unter Shepard eine Art von Amoklauf zu veranstalten, wobei sie sich anschickte, nach allen Seiten austeilen zu wollen. Anders konnte sie es nicht beschreiben. Wobei sie sich immer noch fragte, woher dies alles so plötzlich gekommen war.

Seit dem Tod von Ethan Philips waren nahezu alle seine politischen Wegbegleiter in den vergangenen vier Wochen durch Shepard-Vertraute ersetzt worden. Selbst so patente Leute wie Dafina Jensen oder Ken Tamura wollte der neue Präsident nicht an seiner Seite wissen. Über das Warum konnte sie nur spekulieren.

Ich brauche mehr Hintergrundinformationen, erkannte sie.

»Sonst noch Fragen?«, erkundigte sich Shepard, der Hancocks Schweigen als stille Zustimmung interpretierte, wobei er alle der Reihe nach kurz ansah. »Keine. Also gut«, fuhr er fort, nachdem niemand sich gemeldet hatte. »Wir treffen uns wieder, sobald die ersten militärischen Aktionen in Sigma Draconis angelaufen sind. Bis dahin verbleiben wir so, wie wir es gerade besprochen haben.«

Alle erhoben sich, wobei Shepard und Direko allerdings nahe dem Schreibtisch blieben, während Hancock, Sverrisson und Fedonkin das Blue Office verließen.

Sarah hätte sich lieber mit Sverrisson kurzgeschlossen, denn schließlich war er der Einzige, den sie am ehesten als Verbündeten ansehen konnte. Aber die forschenden Blicke von Shepard und Direko richtig deutend, die schwer auf ihr lasteten, unterließ sie es für den Moment, sich mit dem Verteidigungsminister zu besprechen. Dafür war schließlich später auch noch Zeit – so dachte sie wenigstens.

Ende von Kapitel Eins von M&F4: Verlorene Träume

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