{"id":921,"date":"2016-01-17T18:25:42","date_gmt":"2016-01-17T16:25:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/?page_id=921"},"modified":"2016-01-17T18:25:42","modified_gmt":"2016-01-17T16:25:42","slug":"die-artefaktjagerin-1-panoplia","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/?page_id=921","title":{"rendered":"Die Artefaktj\u00e4gerin 1: Panopl\u00eda"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Artefaktj\u00e4gerin<\/strong><br \/>\n<span style=\"font-size: x-large;\"><strong>PANOPL\u00cdA<br \/>\n<\/strong><\/span><strong>Silention I<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p align=\"center\"><span style=\"font-size: x-large;\"><strong>1<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>September 1867<\/strong><br \/>\n<strong>S\u00fcdpazifik<\/strong><br \/>\n<strong>20:14 Uhr<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der schnittige Bug der <i>Princess of the Empire<\/i> durchpfl\u00fcgte die Wellen des S\u00fcdpazifiks. Es wehte nur ein leichter Wind, aber dennoch erreichte der majest\u00e4tische Klipper die beachtliche Geschwindigkeit von ann\u00e4hernd zehn Knoten.<br \/>\nTerry O\u2018Brien stand am Steuer des Seglers und lie\u00df seinen Blick in die Ferne schweifen. Der Mond schien von backbord und spendete etwas Licht, doch die Sicht reichte nur wenige Hundert Meter weit. Aber was h\u00e4tte es schon zu sehen gegeben au\u00dfer der weiten, fast unendlich scheinenden Wasserw\u00fcste des Pazifischen Ozeans.<br \/>\nDas Schiff hatte vor wenigen Tagen den Hafen von Sydney verlassen und sich auf die lange Heimreise nach Schottland begeben. In Australien befand sich das Goldfieber gerade auf dem H\u00f6hepunkt, denn schon seit mittlerweile zehn Jahren kamen Menschen aus allen Winkeln der Welt auf den fernen Kontinent, um hier ihr Gl\u00fcck zu suchen und ein Leben in Wohlstand zu f\u00fchren. F\u00fcr die wenigsten jedoch w\u00fcrde dieser Traum jemals in Erf\u00fcllung gehen.<br \/>\nO\u2018Brien hielt das Ruder fest in seinen wettergegerbten H\u00e4nden, die von einem langen und entbehrungsreichen Leben als Seemann zeugten. Er fuhr mittlerweile seit drei\u00dfig Jahren zur See, so wie es bereits mehrere Generationen von O\u2018Briens vor ihm getan hatten. Er war von gro\u00dfer, kr\u00e4ftiger Statur, und sein Gesicht wies durchaus ansehnliche Z\u00fcge auf, die jedoch von der harten Arbeit gezeichnet waren. Seine blauen Augen hingegen blickten etwas finster drein, und \u00fcberhaupt erweckte er einen eher m\u00fcrrischen Eindruck, was sicher ein Tribut an sein Leben voll harter und anstrengender Arbeit war.<br \/>\nEr war bereits seit seinem achten Lebensjahr Seemann und befuhr seitdem auf gro\u00dfen Seglern die Weltmeere. Er hatte als einfacher Schiffsjunge begonnen und sich danach St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck hochgedient; inzwischen war er der Hauptsteuermann der <i>Princess of the Empire<\/i>, die zwischen Schottland, Australien und Neuseeland verkehrte.<br \/>\nNeben ihm stand der Matrose Daniel Sullivan, doch die beiden M\u00e4nner wechselten kaum ein Wort, sondern konzentrierten sich ganz auf die ihnen gestellte Aufgabe, den Klipper sicher auf Kurs zu halten.<br \/>\nAuf dem Oberdeck hielten sich nicht viele Personen auf. Es war fr\u00fcher Abend, und au\u00dfer der allt\u00e4glichen Routine gab es nicht viel zu tun. Einige wenige Passagiere flanierten noch \u00fcber das Deck, doch der \u00fcberwiegende Teil der Fahrg\u00e4ste hatte sich l\u00e4ngst in den gro\u00dfen Salon zur\u00fcckgezogen, um den Tag dort ausklingen zu lassen. Manch einer war auch schon fr\u00fch zu Bett gegangen.<br \/>\nDie Passagiere bestanden zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Kolonialbeamten, Gesch\u00e4ftsleuten und Heimkehrern. Letztere hatten entweder das gro\u00dfe Gl\u00fcck gefunden oder aber desillusioniert den Heimweg angetreten. Wobei sie wohl doch noch etwas Gl\u00fcck gehabt haben mussten, weil sie zumindest das Geld f\u00fcr die \u00dcberfahrt aufgebracht hatten.<br \/>\nIn der Heimat warteten auf die Erfolgreicheren unter ihnen bereits Spekulanten, Scharlatane und Vertreter eines \u00e4hnlich unn\u00fctzen Menschenschlags, die nur darauf aus waren, mit m\u00f6glichst wenig Aufwand selbst zu beachtlichem Reichtum zu gelangen. Wohl w\u00fcrden manche der wohlhabenden Heimkehrer ihren Reichtum genie\u00dfen k\u00f6nnen, sofern sie denn umsichtig und \u00fcberlegt damit umgingen. Viele andere hingegen w\u00fcrden ihr Verm\u00f6gen schneller wieder verlieren, als sie es einst auf den Goldfeldern Australiens gefunden hatten.<br \/>\nVon der Mannschaft befand sich der gr\u00f6\u00dfte Teil ebenfalls unter Deck, entweder Karten spielend oder in den Kojen schlafend. Nur ein paar wenige hielten sich am Bug, mittschiffs, achtern und im Ausguck auf, um nach eventuellen Gefahren Ausschau zu halten.<br \/>\nDer Kapit\u00e4n, David Jenkins, befand sich hingegen bei den Passagieren im Salon, womit er einer ihm wohl eher l\u00e4stigen Pflicht nachkam. Aber O\u2018Brien war sich sicher, dass der Kapit\u00e4n bald nach oben kommen w\u00fcrde, um noch einmal nach den Rechten zu sehen.<br \/>\nIn zwei Stunden w\u00fcrde er selbst abgel\u00f6st werden. Dann k\u00f6nnte auch er sich endlich in seine Koje legen und in einen wohlverdienten Schlaf sinken. Bis dahin war allerdings noch etwas Zeit, genug, um den bisherigen Reiseverlauf noch einmal vor seinem geistigen Auge Revue passieren zu lassen.<br \/>\nNachdem die <i>Princess of the Empire<\/i> den Hafen von Sydney verlassen und Auckland passiert hatte, befand sie sich nun n\u00f6rdlich von Neuseeland und schickte sich gerade an, den offenen Ozean anzusteuern. In sechs Wochen w\u00fcrde das Schiff Kap Horn umrunden, sich nach Norden wenden und am Rio de la Plata vorbeisegeln, um Kurs auf New York zu nehmen, wobei der Klipper die Inseln \u00fcber dem Winde, die sogenannten Windward Islands, und die Bahamas passieren w\u00fcrde. Von New York aus sollte das Schiff schlie\u00dflich nach Glasgow in Schottland aufbrechen, seine Heimatstadt und Sitz der Reederei Mackellar Bros. &amp; Company, der der Klipper geh\u00f6rte.<br \/>\nInnerlich freute sich O\u2018Brien auf das Wiedersehen mit seiner Frau Constance sowie seinen Kindern Nathan, Susan und Elizabeth. Als er seine Familie vor mehr als einem Jahr verlassen hatte, war ein viertes Kind unterwegs gewesen. Doch es w\u00fcrden noch weitere sechs Monate vergehen, bis er seine Liebsten wieder in die Arme schlie\u00dfen durfte, sofern das Schicksal nichts anderes plante.<br \/>\n\u00bbDer Alte\u00ab, raunte Sullivan.<br \/>\nKapit\u00e4n Jenkins erschien an Deck und lief zielstrebig auf den hinteren, achtern gelegenen Bereich zu. Jenkins war von hagerer Gestalt und besa\u00df ein schmales Gesicht, das jedoch mit einem festen Ausdruck aufwarten konnte, der signalisierte, dass der Kommandant \u00fcber ein beeindruckendes Durchsetzungsverm\u00f6gen verf\u00fcgte.<br \/>\nDas war auch n\u00f6tig, denn die Mannschaft mochte ihren Kapit\u00e4n nicht wirklich, respektierte ihn allerdings umso mehr. Ein Gro\u00dfteil der Seeleute war nicht freiwillig an Bord. Niemand mochte gern auf einem echten Klipper anheuern. Die Schiffe hatten einen scharfen, extrem schnittigen Rumpf. Das Segelwerk wirkte im Vergleich dazu deutlich \u00fcberdimensioniert, aber nur so waren die hohen Geschwindigkeiten zu erreichen, die es den Klippern bei guten Wetterbedingungen erm\u00f6glichten, jedem zeitgen\u00f6ssischen Dampfer auf und davon zu fahren. Gleichzeitig waren Klipper extrem nasse und \u00e4u\u00dferst unsichere Schiffe, und manch eines dieser Schiffe sollte sich unter vollen Segeln \u00fcber den Bug selbst in den Meeresgrund gebohrt haben.<br \/>\nDie Seeleute wurden gem\u00e4\u00df der altehrw\u00fcrdigen Tradition der Royal Navy auf die Klipper gebracht, indem man sie entweder in den Kneipen und Bars der Hafenst\u00e4dte betrunken machte oder mit falschen Versprechungen auf die Schiffe lockte. War man erst einmal auf hoher See, gab es kein Zur\u00fcck mehr. Die Leute wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Selbst aus der gr\u00f6\u00dften Landratte lie\u00df sich ein halbwegs brauchbarer Seemann formen \u2013 es waren raue Zeiten.<br \/>\n\u00bbLiegt was an?\u00ab, fragte Jenkins, sobald er bei O\u2018Brien angekommen war.<br \/>\n\u00bbNein, Captain. Alles in bester Ordnung, so, wie es sein soll\u00ab, gab der Steuermann als Antwort zur\u00fcck.<br \/>\nKaum hatte er diese Worte ausgesprochen, begann sich der Wind pl\u00f6tzlich zu legen, und die Segel hingen minutenschnell v\u00f6llig unbeweglich an den Rahen herab. Kapit\u00e4n und Steuermann sahen sich ungl\u00e4ubig an. F\u00fcr Besorgnis gab es allerdings keinen Grund, denn Flauten konnten durchaus genauso schnell auftauchen, wie sie wieder vorbei waren, doch ein flaues Gef\u00fchl in der Magengegend blieb nat\u00fcrlich zur\u00fcck.<br \/>\nO\u2018Brien sah sich nach dem Mond um und bemerkte \u00fcberrascht, dass er sich pl\u00f6tzlich an Steuerbord befand. Ihm d\u00e4mmerte rasch, dass nicht der Mond gewandert war, sondern das Schiff seinen Kurs langsam, aber stetig ver\u00e4nderte. Es war von einer pl\u00f6tzlichen Str\u00f6mung erfasst worden.<br \/>\nDie <i>Princess of the Empire<\/i> nahm nun wieder Tempo auf, nur leider in der verkehrten Richtung.<br \/>\n\u00bbRuder hart backbord!\u00ab, befahl Jenkins.<br \/>\n\u00bbHart backbord. Aye, Sir\u00ab, wiederholte O\u2018Brien. Gemeinsam mit Sullivan bewegte er das Ruder, doch das Schiff gehorchte nicht.<br \/>\n\u00bbLand in Sicht\u00ab, meldete da \u00fcberraschend der Ausguckposten.<br \/>\nJenkins, O\u2018Brien und Sullivan erkannten in der Ferne die schemenhaften Umrisse einer Insel, die im Dunkel der Nacht unvermittelt aufgetaucht war \u2013 und ihr stolzer Segler hielt direkt auf dieses Eiland zu.<br \/>\nUnter dem Einfluss der unheimlichen Str\u00f6mung r\u00fcckte das Schiff nahezu unmerklich immer n\u00e4her an die steilen Uferfelsen heran. Es hatte ganz den Anschein, als w\u00fcrde eine geheimnisvolle Kraft den Segler an die d\u00fcsteren und menschenleeren Gestade heranziehen.<br \/>\n\u00bbDen Anker auswerfen!\u00ab, befahl Jenkins, um das Schiff zu stoppen.<br \/>\nKrachend rauschte der Hauptanker in die Tiefe, doch es nutzte nichts: Das Schiff verminderte seine Geschwindigkeit nicht.<br \/>\nDie Passagiere an Deck hatten inzwischen das immer hektischer werdende Treiben der Mannschaft bemerkt, doch die Gefahr, in der sie alle schwebten, hatten sie noch nicht erkannt.<br \/>\nPl\u00f6tzlich erbebte der Klipper unter wildem Get\u00f6se. Die darauf befindlichen Menschen wurden von den F\u00fc\u00dfen gerissen, und von den unteren Decks war das Bersten dicker Holzplanken zu h\u00f6ren. Die <i>Princess of the Empire<\/i> war auf einen Unterwasserfelsen aufgelaufen. Doch das Schiff stoppte seine Fahrt noch immer nicht, sondern wurde von der Str\u00f6mung unerbittlich weiter vorangetrieben.<br \/>\nDer zuvor ausgeworfene Anker verhakte sich, und das Schiff vollf\u00fchrte eine ruckartige Drehung, wodurch das Heck nun in Richtung des felsigen Ufers zeigte. Das Steuerruder zerbrach unter dem Druck, und auch die Ankerkette hielt ihm nicht stand. Sie wurde aus ihrem Fundament gerissen und ging mit einem ohrenbet\u00e4ubenden Krachen \u00fcber Bord. In der stetig anhaltenden Str\u00f6mung gefangen, vollendete das Schiff sein Man\u00f6ver, und der Bugspriet wies wieder in die Fahrtrichtung.<br \/>\nDie Kollision mit dem unter Wasser gelegenen Felsen hatte die Menschen in der Zwischenzeit auf das Oberdeck getrieben. Passagiere und Besatzung sahen in kopflosem Schrecken, worauf das Schiff zusteuerte: genau auf den Eingang einer finsteren Grotte. Schon tauchte der Bug der <i>Princess of the Empire<\/i>, wie von magischen Kr\u00e4ften gezogen, unaufhaltsam in das Dunkel der H\u00f6hle hinein.<br \/>\nDie oberen Stengen der Masten brachen nacheinander ab, weil diese f\u00fcr die Grotte einfach zu hoch waren. Rahe, Taue und Segeltuch fielen auf die dicht gedr\u00e4ngten Menschen, von denen einige in Panik bereits in das eiskalte Wasser zu springen begannen. Durch die pl\u00f6tzlichen Ersch\u00fctterungen l\u00f6sten sich die ersten Felsbrocken von der Decke der Grotte und durchschlugen die h\u00f6lzernen Decks des Klippers oder peitschten das Wasser rings um ihn auf.<br \/>\nEinige irrten ziellos auf dem Schiff umher, andere kauerten sich aneinander. Offiziere schrien Kommandos, die sich mit den hilflosen Schreien von Frauen und Kindern vermengten, die die Finsternis zwar durchbrachen, aber allesamt ungeh\u00f6rt verhallten.<br \/>\nDie Lage der <i>Princess of the Empire<\/i> war hoffnungslos. Das Schiff hatte seine Geschwindigkeit nur kaum merklich reduziert, und so rammte der Bug mit voller Wucht den inneren Rand der Grotte, was weitere Steinschl\u00e4ge zur Folge hatte. Der Klipper begann nun langsam zu sinken. Immer mehr Menschen sprangen \u00fcber Bord und versuchten, aus der Grotte herauszuschwimmen, aber die unerbittliche Str\u00f6mung machte dies unm\u00f6glich. Das kalte Wasser tat sein \u00dcbriges.<br \/>\nUnter gro\u00dfen M\u00fchen gelang es der Besatzung, ein Beiboot zu Wasser zu lassen, doch es wurde von einem Felsbrocken getroffen und versank schnell. Dem zweiten war das gleiche Schicksal beschieden.<br \/>\nO\u2018Brien stand wie angewurzelt an seinem l\u00e4ngst \u00fcberfl\u00fcssig gewordenen Steuer, v\u00f6llig fassungslos angesichts dieser grotesken, bizarren und grausam anmutenden Szenerie. Es war stockdunkel, nur ein paar eilig entz\u00fcndete Fackeln und \u00d6llampen spendeten \u2013 viel zu wenig \u2013 Licht.<br \/>\nDie Wellen schlugen hoch. Das Wasser begann bereits die Reling zu \u00fcbersp\u00fclen. Dazwischen waren immer wieder die Schreie und das Wehklagen der im Wasser um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfenden Menschen zu h\u00f6ren.<br \/>\nSullivan hatte l\u00e4ngst die Flucht nach vorn angetreten und war ebenfalls ins Wasser gesprungen. Kapit\u00e4n Jenkins hatte sich auf das Vordeck begeben, um die Rettungsma\u00dfnahmen zu koordinieren. O\u2018Brien wusste nicht, ob der Kapit\u00e4n noch lebte oder bereits tot war.<br \/>\nDer Klipper sank unterdessen immer schneller. Der Bug und das Mittelschiff standen bereits unter Wasser, nur das Heck hielt sich noch dar\u00fcber, sackte aber auch langsam weg.<br \/>\nO\u2018Brien sprang mit dem letzten Mut der Verzweiflung in das kalte Wasser. So schnell er konnte, entfernte er sich von dem sinkenden Schiff, um nicht von dem Sog in die Tiefe gezogen zu werden.<br \/>\nUm wie viele Augenblicke mochte er damit sein Leben verl\u00e4ngert haben? Er wusste es nicht.<br \/>\nDie K\u00e4lte schlich sich unaufhaltsam in seine Glieder, wodurch seine Arme und Beine nur noch widerwillig ihren Dienst verrichten wollten. Er w\u00fcrde sicher nicht mehr lange durchhalten k\u00f6nnen.<br \/>\nNoch immer h\u00f6rte er die nach Hilfe schreienden Menschen, von denen mehr als hundert \u00fcberall in der Grotte im Wasser trieben, genau wie er selbst. Ein Blick zur\u00fcck zeigte ihm, dass die <i>Princess of the Empire<\/i> inzwischen untergegangen war, und mit ihr auch die letzte Lichtquelle. Er war nun von v\u00f6lliger Dunkelheit umgeben.<br \/>\nDie Stimmen der anderen \u00dcberlebenden verklangen mit fortschreitender Zeit, sodass O\u2018Brien bald ohne jede Hoffnung auf Rettung vollkommen alleine war. Seine Arme und Beine, v\u00f6llig taub und starr vor K\u00e4lte, konnte er kaum mehr bewegen, und auch seine Sinne lie\u00dfen ihn zunehmend im Stich. Schlie\u00dflich verlor er das Bewusstsein, wobei er ein letztes Mal an seine Familie dachte, bevor sein K\u00f6rper in die Tiefe sank.<br \/>\nEndlich beruhigte sich die durch die herabfallenden Felsbrocken aufgew\u00fchlte See. Nur noch einige wenige Wrackteile und herumtreibende Reste der Fracht sowie einige andere Tr\u00fcmmer, aber auch der eine oder andere tote K\u00f6rper k\u00fcndeten noch von der Katastrophe. Die See strahlte bald wieder eine friedliche, angenehme Ruhe aus \u2013 und eine vollkommene Stille.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-size: x-large;\"><strong>\u00a02<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gegenwart<\/strong><br \/>\n<strong>Ligurien, Norditalien<\/strong><br \/>\n<strong>Ein Anwesen, nahe Genua<\/strong><br \/>\n<strong>22:52 Uhr<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war eine sternenklare Sommernacht, die sich durch eine besonders unangenehme, schw\u00fcle Hitze auszeichnete. Selbst um diese Uhrzeit verharrte das Quecksilber des Thermometers noch bei konstanten drei\u00dfig Grad Celsius.<br \/>\nEine Gestalt, offenbar eine Frau, kam aus dem Dickicht geschlichen und steuerte eine Ansammlung von B\u00e4umen an, die sich in unmittelbarer N\u00e4he eines Herrenhauses befanden. Neben einem gro\u00dfen Baum kniete sie schlie\u00dflich nieder und duckte sich.<br \/>\nIhre mittellangen schwarzen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug eine schwarze Jeans, eine leichte Stoffjacke in derselben Farbe sowie einfache Sportschuhe. An ihrem rechten Oberschenkel hing ein an ihrem G\u00fcrtel befestigtes Holster herab, das mit einem Band etwas oberhalb ihres Knies zus\u00e4tzlich fixiert war und in dem eine 45er-Halbautomatik ruhte &#8211; jederzeit bereit, benutzt zu werden. Ein Rucksack \u00fcber den Schultern rundete das Ensemble ab.<br \/>\nSchwei\u00dfperlen rannen Denise Ericsson \u00fcber das Gesicht, und sie fragte sich nicht zum ersten Mal an diesem Tag, ob sie sich das Ganze auch wirklich gut \u00fcberlegt hatte.<br \/>\nVor f\u00fcnfzehn Minuten hatte sie die mit Stacheldraht bewehrte Mauer \u00fcberwunden und daraufhin eilig das Grundst\u00fcck durchquert, vorbei an unz\u00e4hligen \u00dcberwachungskameras und Fabrizis kleiner Privatarmee.<br \/>\nGuglielmo Fabrizi war einer der ganz Gro\u00dfen im Dunstkreis von Drogenhandel, Geldw\u00e4sche, Schmuggel, Gl\u00fccksspiel, Menschenhandel und Prostitution der Mafia in Norditalien. Die hiesigen Polizeibeh\u00f6rden wollten ihn schon lange der gerechten Strafe zuf\u00fchren, aber Fabrizi hatte seinen Kopf bis jetzt immer wieder aus der Schlinge ziehen k\u00f6nnen.<br \/>\nDenise war aber nicht in offizieller Mission unterwegs, sondern auf private Rechnung. Es war noch nicht einmal ihr Ziel, dem Mafiaboss das Handwerk zu legen, denn ihr Hauptaugenmerk galt einem Artefakt, dem sie nun schon seit elf Jahre nachjagte. So oft sie das Olm\u00e9ca-Amulett in den H\u00e4nden gehalten hatte, so oft war es ihr auch wieder verloren gegangen.<br \/>\nDurch mehrere Zeitungsartikel hatte sie in Erfahrung gebracht, dass das Amulett in die H\u00e4nde von Fabrizi gewandert war, und nun wollte sie es haben \u2013 ein f\u00fcr alle Mal. Fabrizi hatte es ohnehin nicht auf legalem Weg erstanden, was nat\u00fcrlich eine recht liberale Rechtfertigung f\u00fcr ihr Vorhaben darstellte. Doch sie hatte bereits f\u00fcr sich entschieden, dass sie damit leben konnte.<br \/>\nNun befand sie sich vor dem Haus \u2013 mit seiner neoklassizistischen Architektur ein typischer Bau aus dem sp\u00e4ten neunzehnten Jahrhundert. Es hatte drei Stockwerke und ein mit roten Ziegeln gedecktes Dach. Die Mauern bestanden aus gro\u00dfen terrakottafarbenen Sandsteinquadern, zwischen denen sich recht gro\u00dfz\u00fcgig angelegte Fugen erstreckten.<br \/>\nVom Eingang aus gesehen kauerte Denise an der linken Seite des Geb\u00e4udes. Von dort aus beobachtete sie, wie, von der Vorderseite kommend, immer wieder einige Wachen an der Mauerkante, die sie einsehen konnte, zum Vorschein kamen. Die Kleidung dieser M\u00e4nner war an das hiesige Klima deutlich besser angepasst als die ihre; Denise glaubte, unter ihrer Kleidung f\u00f6rmlich zu zerflie\u00dfen. Doch sie gab sich nicht diesem Problem hin, sondern lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine \u00fcberaus wichtige Frage:<br \/>\n<i>Wie komme ich in das Haus hinein?<br \/>\n<\/i>Zwei Stockwerke \u00fcber sich erkannte sie eine gro\u00dfe Veranda, die von jeweils einem Flaggenmast flankiert wurde. Sie legte ihren Rucksack ab und zog vorsichtig eine handliche Armbrust daraus hervor, in der sich eine kleine Harpune befand, an der ein Kletterseil befestigt war.<br \/>\nSie schaute zur vorderen Kante der Wand. Ein Wachposten war dort gerade aufgetaucht, verschwand aber genauso schnell wieder, wie er gekommen war. Denise atmete tief durch und zielte mit der Harpune in Richtung der Veranda. Mit einem leisen <i>Plopp<\/i> schnellte die Harpune auf die Br\u00fcstung zu und landete nahezu ger\u00e4uschlos auf dem Verandaboden.<br \/>\nVorsichtig lugte Denise von Neuem in Richtung der Mauerkante, aber keine der Wachen erschien. Langsam zog sie daraufhin an dem Seil, bis sich der Widerhaken der Harpune an der Br\u00fcstung verhakte. Denise zog mehrmals kr\u00e4ftig an dem Seil, um sich zu vergewissern, dass es tats\u00e4chlich hielt. Mit einem Mal h\u00f6rte sie Stimmen. Blitzschnell schmiegte sie sich so eng wie m\u00f6glich an die Wand, wobei sie das Seil sichernd festhielt.<br \/>\nZwei Wachposten waren erschienen, und mit angehaltenem Atem verfolgte sie, wie die beiden M\u00e4nner in ged\u00e4mpftem Tonfall miteinander sprachen. Es dauerte mehrere Augenblicke, bis die Wachen wieder verschwunden waren und Denise erleichtert ausatmen konnte.<br \/>\nSie verlor keine Zeit, l\u00f6ste sich umgehend von der Wand und zerrte erneut pr\u00fcfend an dem Seil. Zufrieden registrierte sie, dass es noch immer stabil mit der Br\u00fcstung verbunden war. Mit einem Satz begann sie, an dem Seil hochzuklettern, wobei sie sich mit den F\u00fc\u00dfen in den gro\u00dfen Fugen abst\u00fctzte, die sich zwischen den Steinquadern befanden. Nach mehreren kraftvollen Z\u00fcgen war sie an der Br\u00fcstung angelangt und kletterte so schnell wie m\u00f6glich dar\u00fcber. Vorsichtig glitt sie auf den Boden, wo sie einen Moment lang verharrte. Es r\u00fchrte sich nichts, nur das Pochen ihres eigenen Herzens sowie der leicht erh\u00f6hte Puls waren zu vernehmen. Sie nickte zufrieden und holte das Seil ein, wobei sie darauf achtete, dass dies ger\u00e4uschlos vonstattenging.<br \/>\nBed\u00e4chtig sah sie sich um und entdeckte dabei eine verglaste Doppelt\u00fcr, die offen stand. Bei jedem Windzug flatterten die wei\u00dfen Vorh\u00e4nge ein St\u00fcck weit heraus. Rechts davon befand sich ein Fenster mit einem l\u00e4nglichen Blumenkasten davor, doch die darin wachsenden Sommerblumen konnte sie keiner Gattung zuordnen.<br \/>\nVon Zeit zu Zeit traf sie ein k\u00fchlender Luftzug, den Denise jedes Mal dankbar annahm, auch wenn er nat\u00fcrlich keinen dauerhaften Effekt haben konnte. Bei dem Gedanken, dass die Temperaturen in dem Zimmer hinter der Doppelt\u00fcr wohl noch unertr\u00e4glicher sein w\u00fcrden als hier drau\u00dfen, erschauderte sie.<br \/>\n<i>Dann los!,<\/i> sagte sie im Stillen zu sich selbst und schlich langsam zur T\u00fcr hin\u00fcber. Sie schob den Vorhang ein wenig beiseite, damit sie in das Zimmer blicken konnte. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gew\u00f6hnt hatten und sie zumindest die Umrisse der im Zimmer befindlichen Einrichtungsgegenst\u00e4nde erkennen konnte. Vorsichtig schlich sie hinein, vorbei an einem Bett, in dem eine Person schlief, eine junge Frau, kaum \u00e4lter als zwanzig Jahre. Denise kannte sie aus dem Dossier \u00fcber Fabrizi. Es handelte sich um seine gegenw\u00e4rtige Freundin, irgendein viel zu d\u00fcnnes, minder erfolgreiches M\u00f6chtegernmodel; da er von dieser Sorte schon so einige Gef\u00e4hrtinnen gehabt hatte, w\u00fcrde sie wohl kaum die letzte sein.<br \/>\nDie zweite Betth\u00e4lfte war unbenutzt, weswegen Denise vermutete, dass sich Fabrizi wohl gerade woanders aufhielt. Sie schlich zu einer weiteren T\u00fcr und \u00f6ffnete sie leise, allerdings nur einen Spalt weit. Vorsichtig lugte sie durch den Spalt in den dahinter liegenden Korridor \u2013 und sah \u2026 nichts.<br \/>\nWeder Fabrizi noch eine Wache noch sonst irgendwen. Nur eine Reihe von T\u00fcren sowie ein paar Lampen, die in einem Abstand von sch\u00e4tzungsweise jeweils drei Metern an den W\u00e4nden angebracht waren, aber nur gedimmtes Licht abgaben.<br \/>\nDenise betrat den Korridor und schloss hinter sich vorsichtig die T\u00fcr. Geduckt lief sie den Korridor entlang. Auf halber L\u00e4nge traf sie auf ein Gel\u00e4nder, an dessen Ende eine Treppe vermutlich in den Wohnbereich f\u00fchrte.<br \/>\nAn dem Gel\u00e4nder angekommen, duckte sie sich wieder und sp\u00e4hte ganz behutsam dar\u00fcber hinweg, auf das, was sich darunter befand.<br \/>\nSie erkannte das Wohnzimmer.<br \/>\nIm Zentrum des Raums standen eine Couchgarnitur \u2013 ein Mix aus Leder und schweren Holzelementen \u2013 sowie die dazu passenden Sessel und ein niedriger Tisch. Entlang den W\u00e4nden befanden sich diverse unterschiedlich hohe Schr\u00e4nke und auch einige Gem\u00e4lde alter Meister, deren Echtheit Denise allerdings bezweifelte. Direkt unterhalb ihrer Position konnte sie eine Bar ausmachen, an der gegen\u00fcber der Couch gelegenen Wand einen Flachbildfernseher, der offenbar stumm geschaltet worden war; anhand der laufenden Bilder konnte sie jedoch erkennen, dass irgendein B\u00f6rsensender eingestellt war. Mehrere kleine Lampen an den W\u00e4nden, die denen in dem Korridor glichen, waren angeschaltet, w\u00e4hrend der gro\u00dfe Deckenleuchter ausgeschaltet war.<br \/>\n<i>Wo ist Fabrizi?,<\/i> fragte sie sich verwundert.<br \/>\nSie entdeckte ihn schlie\u00dflich schlafend in einem Sessel. Auf dem Tisch vor ihm standen einige leere Flaschen, die urspr\u00fcnglich wohl einmal hochprozentige alkoholische Getr\u00e4nke enthalten hatten, sowie ein Glas. Sie vermutete, dass er aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und des umfangreichen Alkoholkonsums eingeschlafen war, was f\u00fcr ihr Vorhaben nur von Vorteil sein konnte.<br \/>\nDenise schlich in Richtung der Treppe, stets lauschend, ob sich hinter den T\u00fcren etwas tat. Doch kein Ger\u00e4usch drang an ihr Ohr. Offenbar war das gesamte obere Stockwerk Fabrizi vorbehalten. Das war eine positive Erkenntnis, denn das hie\u00df, dass sich hier mit recht hoher Wahrscheinlichkeit keine Wachen aufhielten.<br \/>\nAn der Treppe angekommen, blickte sie noch einmal auf den Wohnbereich herab, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Das war es, und sie ging langsam die Treppe hinunter.<br \/>\nUnbemerkt erreichte sie den Wohnraum. Doch kaum war sie hinter dem Sessel, in dem Fabrizi schlief, zum Stehen gekommen, begann sich in dessen K\u00f6rper doch tats\u00e4chlich so etwas wie Leben zu regen.<br \/>\n<i>Schei\u00dfe!,<\/i> ging es ihr durch den Kopf.<br \/>\nEs blieb ihr nicht viel Zeit, aber der Raum war zum Gl\u00fcck ebenso schwach beleuchtet wie der Korridor, sodass sie neben der Bar in einer dunklen Ecke unterhalb der Treppe Schutz fand.<br \/>\nSchlaftrunken beugte sich Fabrizi nach vorn und griff nach dem Glas auf dem Tisch. Entt\u00e4uscht stellte er fest, dass es leer war, ebenso wie die beeindruckende Sammlung von Flaschen. Schwerf\u00e4llig erhob er sich aus dem Sessel, und Denise konnte ihn in voller Lebensgr\u00f6\u00dfe <i>bewundern<\/i>. Fabrizi wirkte wie eine besonders schlechte Kopie des sp\u00e4teren Marlon Brando, allerdings noch wesentlich \u00fcbergewichtiger. In einen dunkelblauen Bademantel geh\u00fcllt, machte er eher einen ziemlich abgehalfterten Eindruck.<br \/>\nEr schlurfte direkt auf Denise zu, und ihre Hand glitt zum Griff ihrer Pistole. Diese Vorsichtsma\u00dfnahme erwies sich jedoch sogleich als \u00fcberfl\u00fcssig, denn der Mafioso steuerte mit schlafwandlerischer Sicherheit eine Wodkaflasche an, die auf dem Tresen der Bar stand.<br \/>\nW\u00e4re er bei vollem Bewusstsein gewesen, h\u00e4tte er Denise zweifelsohne bemerkt; doch da dies nicht der Fall war, entdeckte er sie nicht \u2013 zumindest nicht sofort.<br \/>\nEr schickte sich an, den Wodka in ein Glas einzuschenken, als er eine Bewegung registrierte. Fabrizi wandte seinen Blick verwundert nach rechts und sah direkt in den Lauf einer Pistole, die wie von Geisterhand gef\u00fchrt, aus der dunklen Ecke hervorlugte.<br \/>\nMit einer knappen Bewegung der Pistole gab Denise ihm zu verstehen, dass er zur\u00fccktreten sollte. Fabrizi gehorchte, w\u00e4hrend sein Gesicht einen Ausdruck von purem Entsetzen annahm.<br \/>\nDenise bewegte sich langsam voran. Zuerst kam die Pistole vollst\u00e4ndig zum Vorschein, gefolgt von ihrem rechten Arm und schlie\u00dflich ihrem Gesicht. Fabrizi sah ihr direkt in die blauen Augen, und sobald er ihre attraktiven Gesichtsz\u00fcge erkannt hatte, bemerkte sie eine Ver\u00e4nderung in seinem Gesichtsausdruck. Die anf\u00e4ngliche Anspannung wich einer unangenehmen L\u00fcsternheit, und er musterte sie v\u00f6llig ungeniert.<br \/>\nAngewidert versetzte Denise ihm mit ihrem rechten Bein einen Tritt dahin, wo es einem Mann im Allgemeinen am meisten wehtut. Zu ihrer Freude verfehlte die Aktion ihre Wirkung nicht. Der Schmerz musste heftig gewesen sein, denn Fabrizi kr\u00fcmmte sich umgehend zusammen, ohne auch nur den geringsten Laut von sich zugeben. Denise beschloss, seinem Leiden ein Ende zu bereiten, und zog ihm mit der Waffe in ihrer Hand eins \u00fcber den Sch\u00e4del, woraufhin er, Gesicht voran, ungebremst auf den Steinboden zu knallen drohte. Geistesgegenw\u00e4rtig griff sie nach dem Mafioso, um seinen Fall zumindest etwas abzufangen, damit er nicht allzu laut auf dem Boden aufschlug.<br \/>\nDenise lauschte, ob der dumpfe Aufprall des stark \u00fcbergewichtigen Mannes nicht jemanden aufgeschreckt hatte. Aber das Gl\u00fcck war ihr anscheinend hold. Sie ging in die Hocke und vergewisserte sich, dass Fabrizi nachher aufwachen w\u00fcrde. Sie nickte. Er lebte, w\u00fcrde sp\u00e4ter wohl aber mit geh\u00f6rigen Kopfschmerzen wieder zu sich kommen. Der Gedanke zauberte ihr ein schmales Grinsen auf die Lippen.<br \/>\nSie richtete sich erneut auf und blickte sich in dem Raum um, w\u00e4hrend sie ihre Pistole in dem Holster verstaute. Fabrizi war kein besonders kreativer Mensch, das hatte sie schon bei vorherigen Begegnungen feststellen d\u00fcrfen. Er geh\u00f6rte zu der Sorte Mensch, die ein wundersch\u00f6nes Artefakt in einem langweiligen Tresor versteckten, der hinter einem ebenso langweiligen Bild verborgen war.<br \/>\nZielsicher fiel ihr Blick auf eine Replik von Da Vincis Mona Lisa. Nicht, dass die Mona Lisa ein langweiliges Bild war, doch sie vermutete, dass sich genau hinter diesem Bild der gesuchte Safe befand. Sie untersuchte das Gem\u00e4lde und zog ein wenig daran. Es klappte widerstandslos auf, und dahinter kam tats\u00e4chlich wie erwartet ein Safe zum Vorschein.<br \/>\n<i>Wenigstens gibt es keine gro\u00dfe Sucherei<\/i>, dachte Denise und sch\u00fcttelte grinsend den Kopf.<br \/>\nDer Safe stellte f\u00fcr sie keine Herausforderung dar. Im Handumdrehen hatte sie ihn ge\u00f6ffnet. Mit einem <i>Klack<\/i> sprang die T\u00fcr des Tresors auf, und Denise warf einen ersten Blick hinein.<br \/>\nEinige B\u00fcndel Banknoten, irgendwelche Unterlagen, ein kleines Notizbuch mit einem dunkelblauen Einband und ein schwarzer Lederbeutel waren zu erkennen. Den Lederbeutel nahm sie zuerst heraus. Sie zupfte an der Schnur und lie\u00df den Inhalt in ihre linke Handfl\u00e4che gleiten.<br \/>\nDa war es, das Olm\u00e9ca-Amulett. Ein beeindruckendes Beispiel mesoamerikanischer Handwerkskunst. Es zeigte im Zentrum eine Darstellung des toltekischen Hauptgottes Quetzalcoatl \u2013 der gefiederten Schlange -, die von einer Art breitem Ring umrahmt wurde, auf dem mehrere indianische Zeichen zu erkennen waren. Das Amulett bestand nat\u00fcrlich aus purem Gold.<br \/>\nPl\u00f6tzlich vernahm Denise hektische Stimmen aus dem Korridor vor dem Wohnzimmer. Der Tresor hatte wohl einen stillen Alarm ausgel\u00f6st.<br \/>\n<i>Verdammt, die T\u00fcr!,<\/i> ging es ihr durch den Kopf. <i>Die h\u00e4tte ich vorher kontrollieren m\u00fcssen<\/i>, tadelte sie sich innerlich selbst daf\u00fcr, dass sie sich nicht vergewissert hatte, ob die T\u00fcr auch verschlossen war. Sorgenvoll richtete sich ihr Blick auf den T\u00fcrgriff. Die Zeit schien stillzustehen. Ihre rechte Hand wanderte zum Griff der Pistole. Sie h\u00f6rte, wie jemand den T\u00fcrgriff von au\u00dfen bet\u00e4tigte, aber die T\u00fcr ging nicht auf.<br \/>\n<i>Gl\u00fcck gehabt!<br \/>\n<\/i>Denise steckte das Amulett zur\u00fcck in den Lederbeutel und nahm das dunkelblaue Notizbuch aus dem Safe. Beides verstaute sie in ihrem Rucksack. Ein L\u00e4cheln huschte \u00fcber ihr Gesicht, w\u00e4hrend sie die Tresort\u00fcr schloss und das Bild wieder zuklappte.<br \/>\nKaum hatte sie den Rucksack geschultert, sprintete sie die Treppe hinauf. Keinen Moment zu fr\u00fch, denn gerade, als sie den oberen Korridor erreichte, wurde die T\u00fcr im Wohnbereich aufgebrochen. Schnelle Schritte und undeutliche Sprachfetzen drangen an ihr Ohr, in die sich au\u00dferdem das w\u00fctende Bellen von Hunden mischte.<br \/>\nSo schnell und leise wie nur m\u00f6glich schlich sie in das Schlafzimmer zur\u00fcck. Ihr Weg f\u00fchrte an dem Bett vorbei, in dem die junge Frau noch immer tief und fest schlief. Von dem L\u00e4rm im Wohnzimmer hatte sie offensichtlich noch nichts mitbekommen \u2013 was sich aber ganz sicher bald \u00e4ndern w\u00fcrde.<br \/>\nDenise war es recht, und sie trat auf die Veranda.<br \/>\nEin kurzer Blick \u00fcber die Br\u00fcstung gen\u00fcgte ihr, um zu erkennen, dass sie auf diesem Weg nicht mehr entkommen konnte, denn unterhalb der Veranda hatten sich mehrere Wachen versammelt. Denise sah sich um, und ihr Blick fiel auf das Dach. Umgehend kletterte sie auf die Br\u00fcstung und zog sich auf das Dach hinauf. Kaum hatte sie dort einen festen Halt gefunden, h\u00f6rte sie, wie die Frau in dem Schlafzimmer einen markersch\u00fctternden Schrei ausstie\u00df.<br \/>\n<i>Die Wachen haben offensichtlich kein Taktgef\u00fchl<\/i>.<br \/>\nDenise l\u00e4chelte am\u00fcsiert und nahm den Schrei zum Anlass, um mit einem beherzten Sprung hinter einem der zahlreichen Schornsteine Schutz zu suchen. Sie presste sich eng an den Schornstein und umklammerte mit ihrer rechten Hand den Griff ihrer Pistole.<br \/>\nMehrere Wachen st\u00fcrmten durch das Schlafzimmer auf die Veranda. Von dort schauten sie hinunter und leuchteten mit ihren Taschenlampen das Dach ab, ohne jedoch Denise zu entdecken.<br \/>\nDiese hielt sich nach wie vor hinter dem Schornstein versteckt, war aber jederzeit bereit, eine wilde Schie\u00dferei vom Zaun zu brechen. Doch zu ihrem Gl\u00fcck verschwanden die Wachen wieder im Haus, um die Suche nach dem vermutlichen Eindringling drinnen fortzusetzen.<br \/>\nSie sackte in die Knie und atmete erleichtert einmal tief durch.<br \/>\n<i>Wie geht es nun weiter?<br \/>\n<\/i>Suchend sah sie sich um, bis ihr Blick auf die oberen Wipfel eines Baumes fiel. Nach einer Weile richtete sie sich auf und t\u00e4nzelte leichtf\u00fc\u00dfig und gleichzeitig vorsichtig \u00fcber die Dachziegel zur gegen\u00fcberliegenden Seite des Daches. Sie nahm Anlauf und sprang auf den Baum zu, was einem Sprung ins Ungewisse gleichkam und damit ein recht leichtfertiges Unterfangen darstellte. Wenn es schiefging, bedeutete das f\u00fcr Denise den sicheren Tod. Doch sie bekam tats\u00e4chlich einen Ast zu fassen, der sich allerdings als verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig instabil herausstellte, weswegen sie sich auf einen etwas weiter unterhalb liegenden Ast hinabgleiten lie\u00df.<br \/>\nHier konnte sie eine kleine Pause einlegen.<br \/>\nS\u00e4mtliche Fenster des Herrenhauses waren inzwischen hell erleuchtet, sodass die Umrisse der darin herumlaufenden Menschen leicht zu erkennen waren.<br \/>\n<i>In dem Haus muss der Teufel los sein<\/i>.<br \/>\nDenise hangelte sich vorsichtig weiter nach unten, aber als sie gerade vom letzten Ast aus auf den Boden springen wollte, kam eine Wache, eine Frau, angelaufen.<br \/>\nGerade noch rechtzeitig stoppte Denise ihre Bewegung. Mit den F\u00fc\u00dfen st\u00fctzte sie sich auf dem untersten Ast ab, w\u00e4hrend sie sich mit den H\u00e4nden an einem weiteren Ast festhielt. Diese Position war nicht nur v\u00f6llig unvorteilhaft, sondern auch noch absolut unbequem. Ihre Muskeln verspannten sich zusehends.<br \/>\nIn dieser Stellung verharrte sie mehrere Herzschl\u00e4ge lang, bis der weibliche Wachposten endlich direkt unter ihr stand. Denise lie\u00df sich fallen, nachdem sie beide H\u00e4nde zu einer Faust geballt hatte. Mit voller Wucht traf sie die Frau auf den Hinterkopf, sodass diese der L\u00e4nge nach bewusstlos zu Boden ging.<br \/>\nDenise kam neben ihr auf. Sie federte den Aufprall etwas ab, indem sie in die Hocke ging. In dieser Stellung verharrte sie erneut ein paar Sekunden. Hier drau\u00dfen war noch alles ruhig, aber es w\u00fcrde sicher nicht mehr lange dauern, bis Fabrizis Sicherheitskr\u00e4fte ihre Suche auf das gesamte Anwesen ausdehnen w\u00fcrden.<br \/>\nEntschlossen richtete Denise sich auf und rannte los, wobei sie direkt auf die Au\u00dfenmauer zuhielt. Kurz vor dem Hindernis forcierte sie ihr Tempo noch einmal und sprang energisch ab. Mit beiden H\u00e4nden griff sie nach der Kante und zog sich daran hoch. Oben angekommen, wollte sie sich eigentlich \u00fcber den Stacheldraht hinweg abrollen. Doch das Man\u00f6ver misslang. Ihr linker Oberarm kam dem Stacheldraht zu nahe, und zwei der Stahlspitzen bohrten sich unvorhergesehen in ihn hinein.<br \/>\nIm ersten Moment war Denise v\u00f6llig benommen. Sie verlor die Kontrolle und fiel an der \u00e4u\u00dferen Seite der Mauer hinunter. Dabei stie\u00df sie mit dem verletzten Oberarm an den Rand des dahinter liegenden Grabens. Der Schmerz war f\u00fcrchterlich. Er raubte ihr die Sinne und presste ihr die Luft aus der Lunge. Sie kr\u00fcmmte sich und biss die Z\u00e4hne zusammen; Tr\u00e4nen liefen ihr die Wangen hinunter \u2013 auch weil sie einen Schrei unterdr\u00fcckte, um ihre Verfolger nicht ungewollt auf sich aufmerksam zu machen. Nach einiger Zeit erlangte sie endlich die Kontrolle \u00fcber ihren K\u00f6rper zur\u00fcck, wollte aber nur noch eines: liegen bleiben \u2013 wenigstens ein paar Minuten.<br \/>\n<i>Ich muss hier weg!,<\/i> schoss ihr durch den Kopf.<br \/>\nM\u00fchsam richtete sie sich auf und kontrollierte ihren verletzten Oberarm, aber die Sichtverh\u00e4ltnisse waren zu schlecht, als dass sie wirklich etwas h\u00e4tte erkennen k\u00f6nnen. Auf dem Anwesen wurde es inzwischen zunehmend lebendig. Die Wachen hatten ihre Suche nun offenbar auch nach drau\u00dfen verlagert.<br \/>\nDer menschliche K\u00f6rper ist ein Ph\u00e4nomen. Gerade, wenn man denkt, es geht nicht mehr, setzt er doch noch Reserven frei. Wenigstens f\u00fcr einen beschr\u00e4nkten Zeitraum.<br \/>\nDenise war v\u00f6llig ersch\u00f6pft, aber sie musste es nur noch \u00fcber diese kleine Wiese zu dem Waldst\u00fcck schaffen, wo ihr Auto stand. Mit allerletzter Kraft rannte sie los, wobei die durchgeschwitzte Kleidung unerbittlich an ihren Gelenken scheuerte.<br \/>\nAu\u00dfer Atem lie\u00df sie die Wiese hinter sich, \u00fcberquerte den schmalen, geteerten Weg und lief dem kleinen W\u00e4ldchen entgegen. Noch w\u00e4hrend des Laufens fingerte sie ihren Autoschl\u00fcssel aus der Jackentasche und bet\u00e4tigte ihn, woraufhin sie ein St\u00fcck vor sich die Zentralverriegelung ihres Wagens aufspringen h\u00f6rte. Sie streifte sich den Rucksack ab und hielt ihn mit der rechten Hand fest, w\u00e4hrend sie mit der linken die Fahrzeugt\u00fcr \u00f6ffnete. Mit dem Rucksack voran sprang sie in den kleinen Gel\u00e4ndeflitzer.<br \/>\nDer Rucksack landete punktgenau auf dem Beifahrersitz, w\u00e4hrend Denise, beinahe am Ende ihrer Kr\u00e4fte, auf dem Fahrersitz Platz nahm. Im Reflex wollte sie die T\u00fcr schon mit aller Wucht zuschlagen, besann sich jedoch im letzten Moment noch eines Besseren und federte sie mit der Hand ab. Leise glitt die T\u00fcr ins Schloss, aber f\u00fcr ihren verletzten Oberarm war diese Aktion nat\u00fcrlich kein Vergn\u00fcgen gewesen.<br \/>\nSchwer atmend k\u00e4mpfte sie den Schmerz zur\u00fcck, steckte den Schl\u00fcssel ins Z\u00fcndschloss und drehte ihn herum. Der Motor sprang gehorsam an. Denise legte den ersten Gang ein, bet\u00e4tigte langsam Kupplung und Gaspedal, woraufhin sich der Wagen, ohne viel L\u00e4rm zu verursachen, in Bewegung setzte. Solange sie dem schmalen Weg zur K\u00fcstenstra\u00dfe folgte, schaltete sie kein Licht ein. Das Anwesen blieb links hinter ihr zur\u00fcck.<br \/>\nNur kurze Zeit sp\u00e4ter erreichte sie eine Kreuzung und bog nach links ab, Richtung Genua. Denise beschleunigte den Wagen und schaltete nun auch das Licht ein. Immer wieder blickte sie pr\u00fcfend in den R\u00fcckspiegel, um sich zu vergewissern, dass ihr tats\u00e4chlich niemand folgte.<br \/>\nEinigerma\u00dfen entspannt lie\u00df sie sich in den bequemen Fahrersitz zur\u00fccksinken, sobald sie sich sicher war, dass ihre Flucht gelungen war. Ihr Blick wanderte zu dem Rucksack auf dem Beifahrersitz. In wenigen Stunden w\u00fcrde sie mit einem gecharterten Jet auf dem Weg in ihre Heimat sein. Zeitgleich w\u00fcrden hiesige Freunde den \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden das kleine dunkelblaue Notizbuch zuspielen, dank dessen Inhalt es ein Leichtes sein w\u00fcrde, Guglielmo Fabrizi f\u00fcr den Rest seines erb\u00e4rmlichen Daseins aus dem Verkehr zu ziehen.<br \/>\nEin breites, triumphierendes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.<br \/>\nDenise legte den n\u00e4chsth\u00f6heren Gang ein und trat das Gaspedal durch, woraufhin der Motor kurz aufheulte und das Auto mit H\u00f6chstgeschwindigkeit dem Lichtermeer Genuas entgegeneilte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Alle Rechte vorbehalten!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Artefaktj\u00e4gerin PANOPL\u00cdA Silention I 1 &nbsp; September 1867 S\u00fcdpazifik 20:14 Uhr Der schnittige Bug der Princess of the Empire durchpfl\u00fcgte die Wellen des S\u00fcdpazifiks. Es wehte nur ein leichter Wind, aber dennoch erreichte der majest\u00e4tische Klipper die beachtliche Geschwindigkeit &hellip; <a href=\"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/?page_id=921\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":29,"menu_order":3,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-921","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/921","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=921"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/921\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":924,"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/921\/revisions\/924"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/29"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.matthias-hofmann.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=921"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}